"Jana und der flitzende Wolkenpilot" Fantasy-Buch für Kinder

Das Taschen-Buch mit persönlicher Widmung kann bei mir bestellt werden.

Die neunjährige Jana wohnt seit dem Tod des Vaters mit ihrer Mutter, dem Stiefvater und der kleinen Halbschwester Lea in einer kleinen Wohnung am Rande der Stadt Wolkenheim. Der Stiefvater Sven hat wenig Interesse an seiner neuen Tochter. Er kümmert sich um seine zweijährige Tochter Lea, die ihn auch auf seinen Tagesausflügen als Handelsvertreter begleiten darf. Janas Mutter Nicole ist Kassiererin in einem Supermarkt, um die Finanzen der Familie aufzubessern. Da Sven die kleine Lea betreut ist das gut möglich. Allerdings ist Nicole selten zuhause, weil sie ganztags arbeitet. In der neuen Schule hat Jana noch keine Freunde und so kommt es, dass sie oft einsam ist.
Eines Tages lernt sie den flitzenden Wolkenpiloten Bob kennen. Er führt sie aus der Einsamkeit in die Welt der Fantasie. Dort erlebt sie mit ihrem neuen Freund fantastische Abenteuer.

 

Leseprobe

WOLKENHEIM
Jana blickte aus dem Fenster. Ihre langen braunen Haare berührten sanft die Scheibe. Die blauen Augen sahen traurig in den wolkenbehangenen Himmel. Sie dachte zurück an den Vormittag in der Schule. Seit zwei Jahren besuchte sie nun schon die Wolkenheimer Ganztagsschule und noch immer hatte sie keine neuen Freunde finden können. Ihre Klassenkameradinnen verspotteten sie und die Jungs versetzten ihr immer wieder kleine Boxhiebe in den Rücken und in den Bauch. Vor allem der achtjährige Louis hatte es auf sie abgesehen. Nach dem Sportunterricht hatte er ihre neuen Sportschuhe genommen und in die große graue Tonne geworfen, die vor der Turnhalle stand. Herr Meiskes, der ältere Sportlehrer, hatte ihr nicht geglaubt und sie genervt in den Nachmittagsunterricht geschickt, damit sie über ihre Lügen nachdenken konnte. Dort hatte sie einen Weinkrampf bekommen. Mutter Nicole musste sie in der Schule abholen und hatte während der ganzen Autofahrt mit ihr geschimpft. Vor dem großen Miethaus hatte sie Jana einfach abgesetzt und war sofort zurück in den Einkaufsmarkt gefahren, wo ihre Kollegin Rita, die mit ihr die Mittagspause getauscht hatte, schon ungeduldig wartete.
Jana war langsam durch das kalte Treppenhaus die Treppen nach oben gestiegen. In der Küche hatte sie sich einen Apfel genommen, um den gröbsten Hunger zu stillen. Auch heute würde es sicherlich keine warme Mahlzeit geben. Ihre Augen füllten sich schon wieder mit Tränen, als sie aus dem Fenster blickte und die Wolken betrachtete, aus denen vereinzelt kleine Schneeflocken auf die Erde herab fielen.
Doch was war das? Jana presste das Gesicht ganz fest auf die Scheibe. Was war das? Es sah aus, als ob eine silberne Eisrutsche vom Himmel auf die Erde herunter führte. Und auf dieser glitzernden, silbernen Rutsche turnte etwas. Es schien ein kleines Kind zu sein. Jana strengte sich an und riss die Augen auf, soweit sie konnte, um diese komische Gestalt besser erkennen zu können. Es war kein Kind, sondern ein sehr kleiner Mann, der eine blaue Mütze mit roten Bommeln trug. Außerdem hatte er einen grünen Piloten-Anzug und eine lilafarbige Jacke aus Plüsch an. Er sah wirklich lustig aus. Zum ersten Mal seit zwei Jahren musste Jana herzhaft lachen. Das Männchen lief die Treppe herunter, was sehr komisch aussah und wieder schossen Jana Tränen in die Augen, die sich den Weg über ihr Gesicht zum Mund bahnten. Diesmal waren es aber Kullertränen, die durch das Lachen ausgelöst wurden. Während sie die Gestalt beobachtete, fing Janas Herz wie wild an zu schlagen. Denn der kleine Mann hatte sie bemerkt und rutschte in einem Affentempo geradewegs auf ihr Fenster zu. Jana schloss vor Schreck die Augen und hielt sich die Ohren zu, um den Knall nicht zu hören, der bestimmt bald kommen würde, wenn das komische Wesen durch die Glasscheibe in Janas Zimmer preschen würde.
»Warum bist du so komisch?« hörte sie dumpf durch ihre Hände, die immer noch die Ohren bedeckten. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Das kleine Männchen stand innen auf der Fensterbank und betrachtete sie interessiert. Die Fensterscheiben waren unversehrt. Alles war in Ordnung. Das Männchen war einfach durch die Scheiben in ihr Zimmer spaziert.
Jana konnte es nicht glauben.
»Wer bist du?« fragte sie den Zwerg.
Der rümpfte die Nase und krauste seine Stirn. »Kennst du mich etwa nicht? Ich bin Bob, der flitzende Pilot. Eigentlich kennt mich jedes Kind hier, denn ich fliege oft mit meinem Wolkenschiff über die Stadt. Ist schon komisch, dass du mich noch nie gesehen hast.«
Jana dachte einen Moment nach. Dann sagte sie. »Dich gibt es gar nicht. Du bist nur eine Einbildung. Und Wolkenschiffe gibt es auch nicht.«
Nun wurde Bob puterrot und richtig wütend. Er stampfte mit dem Fuß auf, dass die ganze Fensterbank wackelte und schrie: »Ach, und mit wem redest du gerade? Und wer ist erst vor kurzer Zeit über die Himmelsrutsche in dein Zimmer gerutscht? Das bin ja wohl ich. Also muss es mich geben. Und mein Wolkenschiff gibt es auch. Wir haben schon viele Abenteuer erlebt und sogar schon fremde Planeten bereist. Jawohl!«
Bob wollte sich gar nicht mehr beruhigen und schimpfte vor sich hin. Dann tippte er Jana auf die Stirn. »Du bist wirklich dumm!« Nun musste sie wieder weinen, denn das hörte sie täglich in der Schule. Verwirrt sah Bob sie an. »Warum weinst du denn jetzt?« Jana schluchzte leise. Dann erzählte sie Bob ihre traurige Geschichte.
»Früher, als ich noch klein war, wohnte ich mit meinem Papa Olaf und meiner Mama Nicole in Schwarzenbach. Kennst du den Ort? Er heißt Schwarzenbach, weil ein kleiner Fluss durch den Ort und von dort in den tiefen schwarzen Tannenwald fließt, wo die wilden Wölfe wohnen. Papa und Mama sind damals oft mit mir im Wald spazieren gegangen und haben mir von den Wölfen erzählt. Gesehen haben wir sie aber nie. Im Winter durfte ich auf einem Holzschlitten sitzen und Papa hat mich durch den Wald gezogen. Bis hin zu der großen Wiese, wo wir einen Schneemann gebaut haben. Papa hat extra Kohle für die Augen und eine Möhre für die Nase mitgenommen. Den Rückweg haben wir abgekürzt. Papa hat sich mit auf den Schlitten gesetzt und wir sind schnell wie der Blitz den Hügel runtergefahren. Fast bis vor unsere Haustür. Zuhause gab es dann Kuchen und Kakao und Mama hat mir noch eine Geschichte vorgelesen.« Janas Augen glänzten schon wieder und in ihrem Hals hatte sich der dicke Kloß gebildet, der dafür sorgte, dass sie nicht richtig schlucken konnte.
Bob hatte aufmerksam zugehört. »Warum bist du jetzt in Wolkenheim?« Jana hockte sich auf den Boden und klopfte mit der Hand auf den weichen Teppich. »Setz dich zu mir, dann erzähle ich die ganze Geschichte.«
Bob sprang wie der Blitz von der Fensterbank, verlor das Gleichgewicht und plumpste neben Jana auf den Teppichboden. »Nix passiert.« Er grinste sie an. »Kann losgehen.«
»Mit Mama und Papa war es toll. Und mit meinen Freunden auch. Die habe ich im Kindergarten kennengelernt. Mit vier Jahren war ich nämlich groß genug, um den Blau-Bär-Kindergarten in Schwarzenbach zu besuchen. Außer mir waren da noch ganz viele Kinder und es war schön, zusammen Blumen zu pflücken oder Schlitten fahren zu gehen. Meine beste Freundin war Leonie. Sie hat mich oft zuhause besucht. Das war so gemütlich.«
»Das klingt fantastisch«, meinte Bob. »Erzähl weiter!«
Jana holte tief Luft. »Nach meinem sechsten Geburtstag bin ich dann in die Schule gegangen. Leonie war auch in meiner Klasse und außerdem noch Leon, Tobi, Niclas und Jannik aus meiner Kindergartengruppe. Wir waren ein richtig gutes Team und haben uns oft nach der Schule getroffen. Jannik hat mir gezeigt, wie man auf Inlinern fährt und Tobi hatte eine X-Box, auf der wir Autorennen gefahren sind.«
Nachdenklich sah Jana aus dem Fenster und beobachtete die Schneeflocken, die nun immer dichter vom Himmel fielen. Bob hüpfte aufgeregt durch das Zimmer. »Es schneit. Es schneit. Bald kann die große Reise beginnen.« »Welche Reise?« Jana blickte den kleinen Kerl verwundert an. »Wirst schon sehen. Aber erst erzähl mal weiter. Was ist denn nun passiert? Warum bist du hier?«
»Mein Papa war ein toller Kerl. Er durfte große Düsenjäger fliegen. Oft ist er über unser Haus geflogen und hat eine Schleife gedreht. Im November ist er morgens zur Arbeit gefahren. Ich weiß noch genau, wie es war, denn ich war krank und durfte nicht zur Schule gehen. Deshalb hab ich ihm noch nachgewinkt und er hat mir zugelacht und gerufen »bis heute Abend«. Aber er ist nicht mehr nachhause gekommen. Nur zwei Männer waren da und haben lange mit Mama in der Küche gesessen und geredet. Mama hat geweint und gesagt, dass Papa jetzt im Himmel ist. Tja, und von dem Tag an war alles anders. Zuerst mussten wir in eine kleine Wohnung ziehen und Mama hat sich eine Arbeit gesucht. Dann war auf einmal Sven da und Mama war wieder fröhlich. Aber ich war immer noch traurig. Sven arbeitet in Wolkenheim und deshalb sind wir in diese Wohnung gezogen. Vorher haben Mama und Sven noch groß gefeiert. Die ganze Familie von Sven war da. Mama hat gesagt, dass seine Familie jetzt auch unsere Familie ist. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte meinen Papa wieder haben. Und Oma Berta, die so gut Plätzchen backen kann. Aber die ist jetzt bei Papa im Himmel. Er hat sie geholt. Mich hat er bei Mama und der neuen Familie gelassen. Seit zwei Jahren wohnen wir schon hier. Das Baby ist auch schon ziemlich groß geworden. Aber das sehe ich nicht so oft. Sven nimmt Lea immer mit zur Arbeit. Mama muss auch arbeiten, damit wir die Wohnung bezahlen können. Sie sagt, ich sei ein großes Mädchen und könne schon alleine im Haus bleiben. Das kann ich ja auch. Aber ich habe keine Freunde hier und fühle mich so einsam. In der Schule ärgern mich die Kinder, weil ich so dumm bin. Dabei bin ich gar nicht dumm. Nur traurig. Das ist denen aber egal. Und die Lehrer sind froh, wenn Schulschluss ist. Na ja, das geht mir ja auch so.« Jana stupste Bob an. »Gut, dass ich dich jetzt kenne. Willst du mein Freund sein?«
Bob sprang auf und hüpfte vor Janas Bauch hin und her. »Na klar, was denkst du denn? Bald geht die Reise los. Hab ich doch schon gesagt.« Jana stand auf und sah in den Himmel. Die silberne Rutsche war kaum noch zu erkennen. »Es ist dunkel. Gleich kommen die anderen heim. Vielleicht hat Sven Pizza vom Italiener besorgt. Das wäre schön. Ich mag nämlich Pizza. Die kribbelt so schön im Hals und dann muss ich immer lachen.« Bob nickte heftig. »Ich muss jetzt auch gehen. Wir sehen uns. Ich komme wieder und dann geht die Reise los.«
So flink, wie er gekommen war, verschwand er auch wieder. Noch nie hatte Jana einen so gelenkigen Mann gesehen. Er hüpfte die Eisrutsche nach oben in die Wolken und die Bommeln seiner Mütze flatterten im Wind.
Jana versuchte, das Wolkenschiff zu sehen. Aber es war dunkel und der Schnee verdeckte die Sicht. »Hoffentlich hält er sein Versprechen«, murmelte sie vor sich hin. Der Schlüssel klapperte in der Tür. Nicole war endlich gekommen. Jana lief aus dem Zimmer und sprang ihrer Mutter in die Arme.

 

WÖLKCHEN
»Jana!!!Was ist schon wieder mit dir los? Träumst du? Was habe ich euch gerade erklärt? Wiederhoel mir bitte, was ich gerade gesagt habe.«
Streng und ärgerlich sah Frau Grieskemper Jana an. Jana fühlte, wie ihr Gesicht erst heiß und dann rot wurde. Ihre Hände fühlten sich ganz feucht und kalt an und sie merkte, wie der Kloß in ihrem Hals so groß wurde, dass sie kaum noch atmen konnte. Dann musste sie an Bob denken und ein kleines Lächeln stahl sich in ihr Gesicht. »Tut mir leid Frau Grieskemper. Ich habe nicht zugehört.«
Die Lehrerin schüttelte den Kopf, während die anderen Kinder laut lachten. Diesmal machte es Jana nichts aus. Sie freute sich auf den Nachmittag. Denn dann würde Bob kommen. Er hatte es versprochen.
Im Nachmittags-Unterricht war malen angesagt. Jana wurde zum ersten Mal gelobt. Ihr Bild zeigte einen wolkenbehangenen Himmel, von dem eine silberne Rutsche hinunter auf die Erde führte. Am Fuß der Rutsche stand ein kleines Mädchen, das sehnsüchtig durch fallende Schneekristalle nach oben blickte.
Stolz durfte Jana ihr Gemälde der Klasse vorstellen. Dann wurde es zu anderen Bildern an die lange, weiße Wand gehängt. Dort durften nur die besten Schüler ihre Werke platzieren. Jana bemerkte, wie Noelle sie bewundernd ansah, und freute sich. Sie fühlte den stechenden Blick von Louis in ihrem Rücken. Diesmal hatte sie keine Angst. Sein Bild war nicht gut gelungen. Sollte er sich ruhig darüber ärgern. Sie grinste ihn an, als sie sich zu ihm umdrehte. Dann setzte sie sich leise auf ihren Platz. Noelle lächelte ihr zu und schüchtern erwiderte sie die Geste.
Nach Schulschluss stürmte sie im Eiltempo heim. Bestimmt würde Bob bereits auf sie warten.
Sie war enttäuscht, als sie die Wohnungstür öffnete und ihn nicht sah. Er war also nicht gekommen. Wütend schleuderte sie ihren Schulranzen hinter das Bett. »Autsch«, kam es laut aus der Ecke hinter dem großen Kopfkissen. »Willst du mich erschlagen?«
Nun musste Jana lachen. Denn hinter dem Kissen bewegte sich etwas Buntes. Sie wusste gleich, dass es sich bei diesem wuseligen Wesen um Bob handelte. »Tut mir leid. Ich war wütend, weil ich dich nicht bemerkt hatte.« Bob sah sie strafend an. »Du solltest wirklich lernen, deinen Groll zu beherrschen. Das tut mir nicht gut und dir auch nicht. Und sag mir nicht, dass du dich bei solchen Aktionen gut fühlst. Das glaube ich dir nämlich nicht.« Der bunte Zwerg sprang aufgeregt hin und her und schüttelte ständig mit seinem Kopf, sodass die Bommeln seiner Mütze wild hin und her flogen.
Jana schämte sich. »Du hast Recht. Ich muss mich zusammennehmen. Es kommt nicht wieder vor.«
Bob sah sie lange an. »Na gut. Hast du Hunger? Wölkchen hat für uns gekocht und wartet bereits ewig darauf, dass wir endlich kommen.«
Jana nickte. »Sogar ganz großen Hunger. Aber wer ist Wölkchen?« Erstaunt blickte Bob sie an. »Na mein Wolkenschiff. Ich habe dir doch gestern davon erzählt.«
Jana war verblüfft. »Dein Wolkenschiff kann kochen?«
Nun war es an Bob, erstaunt zu sein. »Was denkst du denn. Natürlich kann Wölkchen kochen. Es kann auch backen, zaubern, mit Schneekugeln werfen, schwimmen und natürlich fliegen.« Er sah Jana verschmitzt an. »Willst du es nun kennenlernen oder nicht?«
Jana nickte. »Na klar.« »Also, dann kann die Reise ja losgehen. Gib mir deine Hand. Schließ die Augen und konzentriere dich nur auf deinen Atem. Sobald ich Kontakt zu deinen Gedanken aufgenommen habe, können wir starten. Du wirst sehen, schweben ist gar nicht so schwer.«
Jana machte alles so, wie Bob es ihr sagte und fühlte, wie ihr Körper zuerst ganz schwer und warm, dann aber so leicht wurde, wie eine Feder. Langsam verlor sie den Boden unter den Füßen und schwebte Hand in Hand mit Bob über die Wolkenrutsche nach oben in den Himmel.
»Riechst du schon, was es Leckeres gibt?« Bob setzte sie sanft auf der Wolkendecke ab. Jana nickte. „Es riecht nach Apfelpfannkuchen mit Zimt. Das esse ich besonders gern.“
»Bingo! Gut erkannt!« Jana zuckte zusammen. Die Stimme klang genauso süß, wie das Essen roch. »Herzlich willkommen in meinem Wolkenbett. Ich bin Wölkchen. Lass es dir schmecken. Es freut mich, dich kennenzulernen.«
Jana mochte Wölkchen sofort. »Danke für die Einladung. Deine Küchlein riechen wirklich fantastisch.« Sie sah auf den Teller, der ihr gereicht wurde. Dann rollte sie den Kuchen ein und biss herzhaft ein großes Stück ab. Wie fruchtig und süß doch der Geschmack der warmen Äpfel in ihrem Mund war. Und wie köstlich der Geruch von Vanille und Zimt. Es kam ihr vor wie früher. Als Mama in der Weihnachtszeit Pfannkuchen, Zimtsterne und Vanillekipferl gebacken und die ganze Familie dazu eingeladen hatte. »Schmeckt es dir, Kleines?« Jana schrak zusammen. Die Stimme kannte sie. Sie gehörte ihrem Papa. Vorsichtig sah sie sich um. Auf dem großen Monitor, der auf Wölkchen stand, konnte sie ihren Vater erkennen. Er hatte sich nur wenig verändert. Seine Gesichtszüge waren zarter geworden. Aber sonst war alles gleich. Er lächelte sie an und winkte ihr zu.
»Hi, hi! Überraschung gelungen?« Bob quietschte vor Vergnügen und rieb sich den Bauch. »So ein Wolkentelefonator ist richtig super. Wir können überallhin telefonieren. Sogar auf die Paradies-Insel, wie du sehen kannst. Das Bild könnte noch etwas besser sein, aber im Großen und Ganzen funktioniert es gut.«
Auch Wölkchen lachte laut. »Ich glaube wirklich, dass uns die Überraschung gelungen ist.« Jana nickte. »Wohnst du jetzt auf der Paradies-Insel, Papa?« Ihr Vater nickte »Na klar. Wo denn sonst? Vielleicht kommst du mich später mal besuchen? Für heute ist es genug. Deine Mutter wird gleich von der Arbeit zurück sein. Dann sollte sie dich in deinem Zimmer vorfinden. Bestell ihr lieber keine Grüße von mir. Wir wollen sie ja nicht ängstigen, oder?«
Jana erwiderte das schelmische Lächeln ihres Papas. »Ich freue mich schon auf das nächste Mal. Jetzt schwebe ich heimwärts.« Sie sah Bob an. »Bringst du mich?« Der schüttelte den Kopf. »Nein, das kannst du doch schon alleine. Schließ einfach die Augen. Atme tief ein und aus und stell dir vor, wie du entlang der Himmelsrutsche nach unten in dein Zimmer schwebst. Du wirst es fühlen, wenn du zurück bist. Dann musst du nur laut gähnen, dich ein wenig recken und strecken und schon liegst du in deinem Bett. Wir sehen uns Morgen wieder.« Bob hob die Hand und winkte ihr zu. Wölkchen trötete leise zum Abschied mit seiner Hupe und Papa grinste sie an, bevor er vom Monitor verschwand.
Vorsichtig folgte Jana Bobs Anweisungen. Sie schloss die Augen. Sie achtete auf ihren Atem. Wieder fühlte sie, wie ihr Körper zuerst schwer und warm und danach so leicht wie eine Feder wurde. So sanft, wie sie an Bobs Hand in den Wolkenhimmel geflogen war, kehrte sie nun ganz alleine zurück in ihr Bett.
Als Mutter Nicole in die Wohnung kam, fand sie Jana friedlich und tief schlafend in ihrem Zimmer vor.

 

DIE PARADIES-INSEL
Als Jana am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich so gut, wie schon lange nicht mehr. Fröhlich hüpfte sie in die Schule. Vorbei an dem Streber Florian, der immer darüber gelacht hatte, dass sie die Matheaufgaben nicht lösen konnte. Immerhin hatte er sie nicht geschubst oder geboxt wie Louis. Damit war sie schon zufrieden. Ihre Klassenkameradinnen Noelle, Elina und Yvette standen auf dem Schulhof und flüsterten leise, als sie das Gebäude betrat. Jana wurde traurig, denn Noelle sah nicht in ihre Richtung und erwiderte auch nicht ihr fröhliches »Hallo«. Sie dachte an Wölkchen, Papa, Bob und den gestrigen Tag und gleich stieg ihre Laune wieder.
Den Vormittagsunterricht überstand sie gut. Nachmittags war sie in der Spielgruppe eingeteilt. So stand sie ziemlich verloren am Rand des großen Spielplatzes, zu dem die ganze Gemeinschaft mit Frau Rosenberg gewandert war. Sie blickte in die Wolken und bemerkte Wölkchen, die ihr von oben zulächelte. Jana hob ihre Hand und winkte ihr zu. Jonas, der sie beobachtet hatte, tippte sich an die Stirn und rief Max zu: »Jetzt spinnt sie total.« Dann kringelten die beiden sich lachend auf dem Boden. Diesmal kamen sie nicht ungeschoren davon, da Frau Rosenberg alles beobachtet hatte und die beiden zur Strafe zehn Minuten auf der Bank sitzen mussten.
»Geschieht ihnen ganz recht«, dachte Jana ein wenig schadenfroh. Sie marschierte zur Wiese, um dort einen kleinen Schneemann zu bauen. Noelle, die das bemerkte, gesellte sich zu ihr und half dabei, den dicken Bauch des Mannes zu rollen. Auf dem Rückweg zum Schulgebäude ging Noelle neben ihr und Jana fühlte, wie es ihr ganz warm ums Herz wurde. Das war aber schnell vorbei, als Yvette Noelle in Beschlag nahm, sobald sie das Schulgebäude betreten hatten. Die letzten Minuten bis Schulschluss verbrachte sie einsam inmitten der lärmenden Menge.
Der Heimweg verlief ohne Zwischenfälle und Jana erreichte die Wohnung in kurzer Zeit.
Sie war müde und beschloss, zunächst ein wenig auszuruhen. Später würde sie Bob rufen. Er hatte ihr eine Reise versprochen. Das würde sicher schön werden.
Kaum auf dem Bett liegend, fielen ihr auch schon die Augen zu.
»Was pocht denn da?« Jana fühlte sich gestört. Sie hatte wenig geschlafen und wünschte sich nur Ruhe. Aber das ständige Klopfen hörte einfach nicht auf. Genervt und auch verärgert öffnete sie die Augen, um den Störfaktor auszumachen. Als sie sah, wer der Übeltäter war, verflog ihr Unmut. Vor ihrem Bett stand Wölkchen, das den flitzenden Piloten Bob im Schlepptau hatte. Der reparierte gerade den rechten Lenkflügel, indem er mit einem kleinen Holzhammer die rosafarbenen Nägel in Wölkchens Hüfte befestigte. »So. Es kann losgehen. Bist du bereit? «Jana nickte. »Wohin geht es?« Wölkchen ruckte ein wenig beim Starten. Dann erwiderte sie: »Du wirst schon sehen.«
Sanft erhob sich das Wolkenschiff in die Luft. Sie flogen über Wolkenheim hinweg. Auch über die schneebedeckten Wiesen und Felder. Sie überquerten den dunklen Tannenwald und entfernten sich immer weiter von Janas neuer Heimat. Die Landschaft wurde unwirklich. Oft streiften sanfte Nebelstreifen Janas Gesicht. Flüsternde Stimmen erzählten ihr Geschichten vom Regenmann, der Schneekönigin und vom Donnerberg. Sie erfuhr von goldenen Elfenkindern und weisen Zauberern und lauschte fasziniert den Erzählungen. Plötzlich wurde es hell. Ein strahlender warmer Strahl umfing sie, während Wölkchen zur Landung ansetzte. Sanfte setzte es auf einem weiten Sandstrand auf. Jana blickte sich um. Ungewöhnliche Bäume standen zuerst vereinzelt später in Gruppen auf der Insel. Gleich daran anschließend breitete sich ein dichter Wald aus. Sie hörte surrende Geräusche und das Kreischen bunter Vögel. Die Sonne wärmte ihren Bauch und ein leichter Wind streichelte sanft ihre Stirn.
Bob reichte ihr die Hand. »Herzlich willkommen auf der Paradies-Insel.«
Fasziniert nahm Jana die fremden Stimmen und Gerüche auf. Sie schnupperte und fragte Bob: »Wonach riecht es hier? Es kommt mir vor, wie der Duft von bunten Blumen, aber ich kann nirgendwo welche sehen.«
Bob zurrte an Janas buntem Rock, den sie verwundert betrachtete. War sie nicht in Jeans und Pullover gestartet? Jetzt trug sie diesen wunderschönen langen Baumwollrock, auf dem Blumen in allen Arten und Farben ihre Pracht ausbreiteten. »Sieh nur. Es ist dein Rock, der so gut riecht. Hier sind wir im Paradies. Da ist sogar die Kleidung lebendig.«
Bob sprang auf und ab und Jana bemerkte, dass auf seiner Hose wilde Farne und Wildkräuter wuchsen. Kein Wunder, dass so viele Gerüche ihre Nase betäubten. Auch Wölkchen hatte sich verändert. Es schimmerte in sanften Regenbogenfarben und roch süßlich. Süßer als die schönste Rose, an der Jana bisher geschnuppert hatte. Wölkchen lächelte sanft und sprach mit seiner glockenhellen Stimme. »Nun mach dich auf den Weg. Erkunde die Insel. Sie wird dir gefallen. Bob wird dich zu Mantuka bringen. Du wirst ihn mögen.«
Janas Herz klopfte wild, als Bob sie in Richtung des dichten Waldes zog. »Nein. Bitte nicht. Ich habe Angst vor dem Wald. Bestimmt gibt es dort Schlangen und andere giftige Tiere.« Jana sträubte sich. »Auf gar keinen Fall gehe ich hier rein.« Ihre blauen Augen blitzten so störrisch, dass Bob unwillkürlich lachen musste. »Angsthase. Pfeffernase,« kreischte er, während er weiter an ihrem Arm zerrte und sie immer näher zum Waldesrand zog.
Ein bunter Vogel kam geradewegs auf Jana zugeflogen. Sanft ließ er sich auf ihrer Schulter nieder. »Aber, aber. Wer wird denn so feige sein? Du bist auf der Paradies-Insel. Hier kann dir nichts geschehen.« Ganz leise vernahm sie die flötende Stimme des großen Vogels, der sie mit warmen dunkelbraunen Augen betrachtete.
Vorsichtig setzte sie ihren rechten Fuß in den Wald. Der linke zog nach und ehe sie sich versah stand sie im grünen Dickicht, das sie schützend umfing. Ein wenig mutiger geworden, betrachtete sie die Pflanzen und Bäume, die weit nach oben in den Himmel ragten. Auf den hohen Baumspitzen prangten rote, gelbe, blaue und lilafarbene Blumen, die ihren Duft in der gesamten Umgebung verbreiteten. Affenähnliche Tiere schwangen sich an langen, biegsamen Wurzeln von Baum zu Baum. Ab und zu hörte Jana Stimmen, die ihr »herzlich willkommen im Paradieswald« zuriefen. Da der bunte Vogel reden konnte, fand sie es gar nicht verwunderlich, dass auch die anderen Tiere zu ihr sprachen und die Blumen sie begrüßten. Als sie sich nach Bob umsah, fand sie ihn, fröhlich pfeifend auf dem Rücken eines blauen Ponys, das ihn munter durch das dichte Gestrüpp leitete.
Plötzlich wurde der Wald heller. Die Bäume gaben einen schmalen Pfad frei, der zu einer großen Siedlung führte. Bunte strohgedeckte Hütten standen kreisförmig um einen goldenen Platz, auf dem sich viele Menschen befanden. Auch sie waren bunt gekleidet und Jana konnte die verschiedenen Pflanzen auf ihren Kleidern riechen. Diese Insel war wirklich paradiesisch. Sie trug ihren Namen zu Recht. Jana rümpfte leicht die Nase. »Schade eigentlich, dass ich niemandem davon erzählen kann«, flüsterte sie leise », »denn sie würden mir nicht glauben, was ich gesehen habe.«
Bob sprang vom Rücken des Ponys und reichte Jana die Hand. »Komm, ich stelle dir Mantuka vor. Er ist der Häuptling und gleichzeitig der Heiler des Inselstammes. Du wirst ihn mögen.«
Mantuka hatte die beiden bemerkt und kam ihnen entgegen. Ernst verbeugte er sich vor Bob. »Sei willkommen. Es ist mir eine Ehre den berühmtesten Wolkenpiloten aller Zeiten auf meiner Insel begrüßen zu dürfen. Wie ich sehe, hast du mir noch jemanden mitgebracht. Wer ist denn die wunderschöne Person an deiner Seite?«
Bob kicherte und schob Jana nach vorn. »Mantuka darf ich dir meine Freundin Jana vorstellen? Sie braucht dringend ein wenig Nachhilfe in Indianerkunde. Die Kultur der Indianer wird nämlich schon bald Unterrichtsstoff in ihrer Schule sein.« Mantuka nickte. »Na dann komm und setz dich zu uns. Über die verschiedenen Indianer-Stämme auf der Erde gibt es einiges zu berichten. Hoffentlich hast du genug Zeit mitgebracht. «Gemeinsam näherten sie sich dem Feuer, um das sich die Inselbewohner geschart hatten. Plötzlich zögerte Jana. Sie rieb sich die Augen und starrte auf den Mann, der ihr freudig strahlend entgegenkam. Dann raste sie los und sprang in seine Arme. »Papa. Ich bin so froh, dich hier zu sehen.« Ihr Vater umarmte sie fest. »Schön, dass du gekommen bist. Komm mit mir und höre, was Mantuka dir zu sagen hat.«
Folgsam ließ Jana sich im Kreis der Inselbewohner nieder, die sie freundlich in ihrer Mitte empfingen. Gemeinsam mit den anderen lauschte sie der Geschichte, die Mantuka zu erzählen hatte.


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